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Meister des Tons, der Technik und des Ausdrucks
Die Klarinette ist ein Instrument der Paradoxien. Sie ist zu den albernsten Komödien und den tiefsten Tragödien fähig; von einem fast unhörbaren Flüstern (niente) bis hin zum durchdringenden Schrei des Jazz. Aber dieser Zylinder aus Grenadillholz mit seinen silbernen Tasten und dem vibrierenden Rohrblatt ist nur ein träges Objekt, bis ein Künstler ihm Leben einhaucht.
Wir leben in einer Zeit, die Musikhistoriker wahrscheinlich das “Zweite Goldene Zeitalter” der Klarinette nennen werden. Nie zuvor hatten wir Zugang zu einer solchen stilistischen Vielfalt, die gleichzeitig existiert. Die Globalisierung hat es ermöglicht, dass die starren Grenzen der traditionellen Schulen, der dunkle, kompakte deutsche Klang, die Brillanz und Agilität der Franzosen und die kraftvolle Projektion der Amerikaner, verschwimmen, sich überschneiden und faszinierende Mischformen bilden.
Dieser Artikel ist keine bloße Liste, sondern eine Reise durch zehn Persönlichkeiten, die ihr Leben der Beherrschung des Blasinstruments gewidmet haben. Diese zehn Klarinettisten definieren heute, was es bedeutet, dieses Instrument zu spielen. Erforsche mit uns ihre Geschichten, ihren Unterricht und vor allem die Aufnahmen, die die Chemie deines Gehirns verändern können.
Über Musik zu lesen ist nur der Anfang. Deshalb haben wir eine herunterladbare Ressource mit inspirierenden Inhalten von Meistern zusammengestellt, die deine künstlerische Vision bereichern und deine tägliche Praxis motivieren soll.
1. Martin Fröst: der Illusionist, der den Rahmen sprengte
Um Martin Fröst zu verstehen, musst du zunächst das traditionelle Bild des klassischen Solisten vergessen: die statische Figur im Frack, die neben dem Dirigenten wie angewurzelt am Boden liegt. Der Schwede hat beschlossen, dass die Klarinette nicht nur ein klangerzeugendes Instrument ist, sondern eine Erweiterung des Körpers. Fröst ist zweifelsohne die medienwirksamste und revolutionärste Figur im Klarinettenspiel des 21. Jahrhunderts.
Der gebürtige Schwede Fröst spielt auf dem Böhm-System, aber sein Sound ähnelt dem von niemandem sonst. Er scheint aus dem nordischen Eis zu kommen: makellos, transparent und so absolut rein, dass man sich manchmal fragt, ob man ein Blasinstrument oder einen organischen Synthesizer hört. Seine Technik hat das Machbare neu definiert; er kann Stakkato-Passagen mit Geschwindigkeiten ausführen, die sich jeder physikalischen Logik entziehen, und dabei absolute Klarheit bewahren. Aber sein größter Beitrag ist die Theatralik. In Projekten wie Puppenhaus und Genesis, Fröst tanzt, schauspielert und dirigiert, während er spielt, und lässt die Figur des Musikers als Schamane, der den Stamm durch ein Ritual führt, wieder aufleben.
Obwohl sein Terminkalender als internationaler Solist und Musikdirektor des Schwedischen Kammerorchesters ihn daran hindert, eine feste Lehrtätigkeit auszuüben, ist sein pädagogischer Einfluss durch weltweite Meisterkurse und seine Zusammenarbeit mit Buffet Crampon bei der Entwicklung von Instrumenten enorm. Ihm zuzuhören bedeutet, einen Blick in die Zukunft des Instruments zu werfen.


2. Sabine Meyer: die Dame aus Eisen und Samt
Die Geschichte von Sabine Meyer ist eine Geschichte des moralischen und künstlerischen Triumphs. In den frühen 1980er Jahren stand sie im Mittelpunkt einer der größten Kontroversen der klassischen Musik, als der legendäre Dirigent Herbert von Karajan versuchte, sie als erste Frau in die Bläsergruppe der Berliner Philharmoniker zu berufen. Das Orchester rebellierte, und nach kurzer Zeit verließ Meyer das Orchester. Was die Karriere eines jeden hätte zerstören können, wurde zu ihrem Treibstoff. Heute ist Sabine Meyer eine Institution, eine Solistin, deren Karriere das Orchester, das sie einst ablehnte, in den Schatten gestellt hat.
Meyer ist die große Hüterin und Innovatorin der deutschen Schule. Sie spielt auf dem Oehler-System, einem komplexeren Mechanismus als dem französischen System, mit zusätzlichen Tasten und alternativen Fingersätzen, um einen besonderen Klang zu erzielen: dicht, dunkel, zentriert und reich an unteren Obertönen. Wenn du Meyer zuhörst, ist es, als ob du die Tradition von Brahms und Mozart destilliert hörst. Ihre Phrasierung ist immer elegant, logisch und sehr aristokratisch. Sie jagt nicht nach einfachen Effekten oder leerer Geschwindigkeit; jede Note hat Gewicht und Sinn.
Dieses Erbe gibt sie nun als Professorin an der Musikhochschule Lübeck (Deutschland) weiter und unterrichtet eine hoch selektive Gruppe von Studierenden, die das komplexe deutsche System beherrschen wollen.


4. Andreas Ottensamer: der Wiener Adelige des 21. Jahrhunderts
In der Welt der Klarinette ist der Name Ottensamer ein königlicher Name. Sowohl sein Vater als auch sein Bruder waren Chefsessel bei den Wiener Philharmonikern. Andreas, der jüngste der Dynastie, hat nicht nur Talent geerbt, sondern auch eine Ausstrahlung wie ein Filmstar, die dazu beigetragen hat, das Instrument bei einem jungen Publikum populär zu machen.Andreas Ottensamer ist derzeit Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker. Sein Stil ist eine faszinierende Mischung. Obwohl er das deutsche System und die Wiener Klarinette (mit einer etwas weiteren Bohrung) verwendet, hat sein Spiel einen cantabile Qualität, die an die italienische Schule erinnert. Sein Klang ist samtig, dunkel wie Schokolade und doch flexibel genug, um expressive Risiken einzugehen, die andere Orchestermusiker nicht wagen würden. Ottensamer hat das seltene Kunststück vollbracht, ein disziplinierter Orchestermusiker und gleichzeitig ein Solist der Deutschen Grammophon zu sein, der den Massenmarkt anspricht.
Wenn er nicht gerade auf Tournee ist oder Aufnahmen macht, unterrichtet er in Berlin und bietet weltweit Meisterkurse an und ist eine Referenz für alle, die den edlen Wiener Klang mit einer modernen Einstellung suchen.


5. Nicolas Baldeyrou: der Zauberer der französischen Technik
Für viele Klarinettenschüler/innen ist Nicolas Baldeyrou heute “der YouTube-Typ”. Es stimmt, dass seine selbstgemachten Aufnahmen, auf denen er sich selbst vervielfältigt, um unmögliche Arrangements zu spielen, viral gegangen sind. Aber es wäre ein großer Fehler, Baldeyrou auf ein Internetphänomen zu reduzieren. Er ist einer der technisch begabtesten Klarinettisten der Geschichte.
Baldeyrou verkörpert die Quintessenz der Französischen Schule: Brillanz, Klarheit, Eleganz und blitzschnelle Artikulation (Zungenschlag zur Trennung der Noten). Sein Klang ist leichter und flexibler als der seiner deutschen Kollegen, mit einem sorgfältig geformten Vibrato, um lange Töne zu färben. Was ihn einzigartig macht, ist die scheinbare Leichtigkeit, mit der er die größten Schwierigkeiten meistert; während andere sich abmühen, scheint er einfach zu atmen.
Diese technische Meisterschaft hat ihren Sitz in Lyon, Frankreich, wo er am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Lyon (CNSMD) unterrichtet und als Solist der Radio France Philharmonic fungiert. Es ist das Traumziel für jeden Schüler, der die Finger- und Zungentechnik bis an ihre Grenzen beherrschen will.


6. Sharon Kam: die Stimme der Seele
Manche Musiker spielen Noten, andere erzählen herzzerreißende Geschichten. Sharon Kam gehört zur zweiten Kategorie. In Israel geboren und an der Juilliard School ausgebildet, erlangte sie internationalen Ruhm, nachdem sie mit 21 Jahren den renommierten ARD-Wettbewerb in München gewann. Seitdem hat sie eine einzigartige Karriere hingelegt, die hauptsächlich in Deutschland stattfindet.
Kams Stil ist geprägt von überbordenden Emotionen. Sie scheut sich nicht, das Instrument an seine dynamischen Grenzen zu bringen oder den Klang zu forcieren, wenn der dramatische Ausdruck dies erfordert. Sie hat einen warmen, runden und sehr menschlichen Ton. Im Gegensatz zur kalten Perfektion anderer Interpreten sucht Kam die Verbindung mit dem Zuhörer auf der Haut. Ihr großzügiges Vibrato und ihre koloristische Meisterschaft ermöglichen es ihr, sich dem romantischen und opernhaften Repertoire mit ungewöhnlicher Tiefe zu nähern.
Sie wohnt in Hannover und konzentriert sich auf Konzert- und Kammermusikprojekte mit hochkarätigen Partnern, wobei sie die routinemäßige Orchesterarbeit meidet, um persönliche künstlerische Projekte zu verfolgen.


7. Anthony McGill: Würde, Führung und Gerechtigkeit
Anthony McGill nimmt in der Geschichte der amerikanischen klassischen Musik einen besonderen Platz ein, nicht nur als erster afroamerikanischer Dirigent der New Yorker Philharmoniker, sondern auch wegen seiner immensen künstlerischen und menschlichen Qualitäten. Sein Auftritt bei der Amtseinführung von Präsident Obama an der Seite von Itzhak Perlman und Yo-Yo Ma katapultierte ihn zu Weltruhm, aber sein künstlerisches Können steht für sich allein.
McGill hat einen Klang, den man am besten als “edel” beschreibt. Er ist zentriert, extrem ausgefeilt und in allen Registern ausgewogen. Sein Stil verkörpert musikalische Raffinesse; du wirst nie eine schlechte Phrasierung oder eine falsche Note hören. Er verkörpert die Exzellenz der amerikanischen Schule, gefiltert durch eine exquisite Sensibilität für Kammermusik. McGill ist auch eine führende Stimme für soziale Gerechtigkeit in der Musik und nutzt seine Plattform, um sich für Vielfalt einzusetzen.
Er unterrichtet intensiv und auf hohem Niveau, aufgeteilt zwischen Juilliard und dem Curtis Institute of Music.


8. Julian Bliss: Das Wunderkind, das sich neu erfunden hat
Die Welt der Musik ist voll von zerbrochenen Spielzeugen, Wunderkindern, die mit zehn Jahren glänzen und mit zwanzig verschwinden. Julian Bliss ist die glorreiche Ausnahme. Er begann mit vier Jahren zu spielen und entwarf schon als Teenager Verbesserungen für Leblanc-Klarinetten. Heute ist er ein reifer und erstaunlich vielseitiger Künstler.
Bliss, ein Vertreter der modernen britischen Schule, zeichnet sich durch brillanten Pragmatismus aus. Er lässt das Schwierige leicht erscheinen. Sein Sound ist klar, direkt und äußerst vielseitig und ermöglicht es ihm, sich zwischen Welten zu bewegen, die sich nur selten überschneiden: das anspruchsvollste klassische Repertoire und wilder Jazz. Mit seiner Band, dem Julian Bliss Septet, erforscht er die Wurzeln des Swing mit einer Authentizität, die nur wenige klassische Musiker erreichen, ohne dabei steif zu klingen.
Neben seiner Solokarriere ist er ein leidenschaftlicher Pädagoge, der Meisterkurse in Großbritannien und den USA anbietet und seine eigene Linie von erschwinglichen Schülerklarinetten entwickelt (Bliss von Conn-Selmer), um den Zugang zu hochwertigen Instrumenten zu demokratisieren.


9. Kari Kriikku: der Schamane der Avantgarde
Wenn die früheren Klarinettisten Museumswärter sind, ist Kari Kriikku der Künstler, der Neon-Graffiti an die Wände sprüht. Der Finne Kriikku ist der unangefochtene Meister der zeitgenössischen Musik und neuer Kreationen.
Für Kriikku ist die Klarinette nicht nur melodisch, sondern auch ein Generator von Texturen und Klangeffekten. Seine Beherrschung der erweiterten Techniken ist unübertroffen: Zirkularatmung, Multiphonics, Slap-Tongue, extreme Glissandi und Vierteltöne. Seine Bühnenpräsenz ist elektrisierend, fast wie die eines exzentrischen Rockstars. Führende zeitgenössische Komponisten wie Kaija Saariaho und Magnus Lindberg haben Werke speziell für seine unmöglichen Finger geschrieben.
Er ist kein herkömmlicher Konservatoriumslehrer; seine Pädagogik wird durch Uraufführungen und die direkte Zusammenarbeit mit Komponisten und jungen Interpreten bei Festivals für neue Musik in Nordeuropa vermittelt.


10. Wenzel Fuchs: der Fels in der Brandung
Wir beenden unsere Reise zurück im Herzen des Orchesters. Wenzel Fuchs, Ottensamers Tischnachbar bei den Berliner Philharmonikern, repräsentiert die österreichisch-deutsche Tradition in ihrer reinsten, destilliertesten Form.
Fuchs ist kein Showman. Du wirst nicht die Tänze von Fröst oder die viralen Videos von Baldeyrou sehen. Was du sehen (und hören) wirst, ist orchestrale Perfektion. Sein Klang ist die absolute Referenz dafür, wie eine klassische Klarinette sein sollte: reines Holz, ein dichter Kern und eine unerschütterliche Intonation. Er ist der Meister der legato, die Fähigkeit, Noten nahtlos zu verbinden und endlose melodische Linien zu schaffen. Sein Klang hat die Aufnahmen der Berliner Philharmoniker über Jahrzehnte hinweg geprägt.
Als Professor an der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker hat Fuchs den wohl wichtigsten Lehrauftrag der Welt inne: Er bereitet junge Talente auf die Spitzenpositionen in den Orchestern vor. Außerdem ist er Gastprofessor an renommierten Institutionen weltweit.


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Viel Spaß beim Lesen!
Odisei Musik Team
